„Wer dem Tod begegnet, verliert die Angst davor“

20.11.2011 • Erfahrungswissenschaftliche Prüfungen und Erkenntnisse bestätigen eine nachtodliche „Auferstehung

Andrea Hammerl

Ist das Leben nach dem Tod eine Erfindung der Religionen – oder sind Nahtoderfahrungen gar Stifter der Religionen? Was ist Ursache, was Wirkung? Für Michael Schröter-Kunhardt, der sich als Facharzt für Psychiatrie seit vielen Jahren mit Nahtoderfahrungen auseinandersetzt, steht auf jeden Fall fest, dass Menschen, die dem Tod sehr nahe kamen, oder das zumindest annahmen, religiöser werden, ja, dass ihnen oftmals ein Leben nach dem Tod zur Gewissheit geworden ist.

Der deutsche Repräsentant der IANDS (International Association for Near Death Studies) spricht gar von einem „Kulturschock“, den diese Personen durchmachen. Nicht selten kommt es Studien zufolge sogar zu Scheidungen oder beruflichen Neuorientierungen, weil der Betroffene neue, nicht-materielle Wertmaßstäbe setzt.

Ein helles, strahlendes Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels, Erscheinungen von Lichtwesen, „Engeln“ oder anderen Geistwesen, außerkörperliche Erlebnisse, bei denen der Patient seiner eigenen Operation von oben zuschaut oder dem Operateur „auf der Schulter sitzt“, Begegnungen mit verstorbenen Angehörigen, der Ablauf des eigenen Lebensfilmes in massiver Zeitraffung, eingebildet oder wahr? Seit etwa 30 Jahren widmet sich die Wissenschaft vermehrt der Erforschung solcher Erfahrungen, die seitdem auch öfter geschildert werden. Weil überall auf der Welt Menschen aller Kulturen und auch Personen ohne religiöse Erziehung verblüffend Ähnliches erzählen, schlussfolgert Schröter-Kunhardt, dass „religiöses Erleben auf einer biologisch angelegten Matrix beruht“, die von keiner Theorie hinwegerklärt werden könne. Sowohl der Kommunist Karl Marx („Religion ist Opium für das Volk“) als auch der Psychoanalytiker und Religionskritiker Sigmund Freud, der die Religion als Neurose betrachtete, hätten sich somit geirrt. „Homo religiosus sapiens est“ (der religiöse Mensch ist der Wissende), sagt Schröter-Kunhardt.

Bereits im Alten Ägypten, vor 5000 Jahren, finden sich Hinweise auf außerkörperliche Erfahrungen im Osiris-Kult wieder. Der griechische Philosoph Platon berichtet von einem Soldaten, der seinen Körper verließ und sich zusammen mit anderen Geistern auf den Weg durch das Dunkel ins Licht zu einem Ort des Gerichtes machte, wo jeder seinen Taten entsprechend zu einem Ort der Strafe oder in den Himmel geschickt wurde. Der Soldat erlebte Gefühle des Friedens, der Freude und des Glücks und war überzeugt davon, das Jenseits gesehen zu haben. Zurückgekommen sei er, um den Menschen davon zu erzählen, damit diese lernten, nach wahrer Weisheit zu streben. Von Mohammed wird ebenfalls berichtet, dass er eine Himmels- oder Jenseits-Reise gemacht habe, und auch im Buddhismus finden sich erste Fallsammlungen. Papst Gregor der Große stellte bereits im sechsten Jahrhundert n. Chr. die erste Versammlung zusammen, um damit den Beweis für die Unsterblichkeit der Seele anzutreten.

Die meisten Nahtoderscheinungen werden positiv erlebt – jedenfalls im christlichen Abendland. Die Interpretation des Erlebten scheint stärker vom kulturellen Hintergrund des Betroffenen abzuhängen als das Erlebnis selbst. Zwei Drittel der Menschen, die ein Nahtoderlebnis erfuhren, verloren dadurch die Angst vor dem Tod. Zugleich verringern Nahtoderscheinungen die Selbstmordgefahr. Kunhardt-Schröter erklärt dieses Phänomen damit, dass, beispielsweise in der Lebensrevision, die Erfahrung gemacht wurde, dass alles im Leben – auch das größte, scheinbar ungerechte Leid – einen Sinn habe. Bei älteren Menschen wurde mehr Lebenszufriedenheit, weniger Depressivität und verbesserte soziale Integration, Aktivität und Gesundheit festgestellt.

Etwa zehn Prozent der Nahtoderscheinungen werden negativ oder gemischt negativ-positiv empfunden, was vermutlich mit dem Seelenzustand des Betroffenen zusammenhängt, da als bedrohlich empfundene Erfahrungen gehäuft nach Selbstmordversuchen auftreten. (…) Für den IANDS-Repräsentanten sind Nahtodeserscheinungen ein indirekter Hinweis auf ein Leben nach dem Tod. „Die täuschend echte Simulation des Jenseits beweist doch, dass wir darauf geprägt sind, nach dem Tod weiterzuleben“, sagt Schröter-Kunhardt.

(Quelle: „Main-Echo“ vom 22.3.08)

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Kommentar der Webredaktion: Die wissenschaftliche Aufarbeitung zahlreicher Nahtod-Erlebnisse ist seit Generationen im Gang. Während sich in den Anfängen dieser relativ neuen, psychologisch-psychiatrisch-wissenschaftlichen Tätigkeit primär die „Wiedergeburts-Gläubigen“ diesem Thema widmeten, sind es heute sowohl theistisch aber auch atheistisch geprägte Zeitgenossen, die sich zu Wort melden und ihre persönlich-individuellen Erlebnisse zu Protokoll geben, u.a. auch, weil der Trend zur (vielfach unerbetenen) „Wiederbelebung“ durch medizinisch-technische und pharmazeutische Entwicklungen stark zugenommen hat! „Wiederbelebung“ ist als Begriff üblich, wenn es bei einem Kandidaten zu einem Herzstillstand kam, den man durch die angedeuteten Techniken wieder 'aufheben' kann. Inwieweit die „Wiederbelebung“ als eine nahtlose Fortsetzung des Vorsterbe-Zustandes klassifiziert werden kann, ist heute selbst im Kreis der beteiligten Mediziner zunehmend umstritten. In diesem Geschehen spielen zahlreiche Umstände und Einflüsse eine entscheidende – auch nachtodliche – Rolle! Persönlichkeitsveränderungen, auch stärkere Einschränkungen des Bewusstseins, der Denk- und Verständniszentren, unter Umständen verbunden mit körperlichen Behinderungen und anderem mehr zeigen, dass es nicht nur die „medizinische“ Seite eines 'unbeschwerten' Weiterlebens nach einer körperlichen Wiederbelebung gibt.

Die Kernfrage „inwieweit man sich vor dem Tod fürchten soll?“, wird aus den Nahtod-Erfahrungsberichten eindeutig mit einem klaren Nein beantwortet. Es bleibt – wegen der von Seiten der kirchlich-christlichen Weltanschauungen aufgebauten Ängste vor dem Sterben und den Höllenqualen – für viele Mitmenschen eine gigantische Angstkrise bestehen, die tiefenpsychologisch noch über Generationen keine Freude im Zusammenhang mit dem Sterben bzw. Tod aufkommen lassen wird. Dennoch – die Erkenntnisse der „Nahtodforscher“ sollten als Lebenshilfe für die Jugend und für kranke Menschen als Pflichtaufklärung in allen Krankenhäusern vermittelt werden und wären auch in das Programm der heute zunehmenden Hospizbewegungen einzubeziehen.

Dabei aber nicht vergessen: Selbstmord bewirkt leidensverlängernde Folgen, die eigentlichen „Höllenqualen”!

 

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